Kennenlerntage der Schulart AVDual

100 Jugendliche der Grafenbergschule verbringen drei Tage im Haus Lutzenberg

Schorndorf.
AVDual, Kennenlerntage, Integration: Was ist das denn, und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Zehn Lehrkräfte, eine Jugendsozialarbeiterin und zwei AVDual-Begleiter verbrachten drei Tage mit 100 Jugendlichen – 92 Jungs und 8 Mädchen – auf Haus Lutzenberg, dem CVJM-Heim in Althütte.

Von diesen 100 Jungen und Mädchen sind ungefähr 70 Flüchtlinge, die nach einem Schuljahr in einer sogenannten VABOKlasse (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse) oder VKL (Vorbereitungsklasse) erfolgreich das Sprachniveau A 2 erreicht haben. Nun geht es im AVDual (Ausbildungsvorbereitung im Dualen System) der Grafenbergschule darum, sie in den Übergangsbereich Schule – Berufsausbildung zu integrieren. Die anderen 30 Jugendlichen wollen ihren Hauptschulabschluss erreichen oder ihn verbessern.
Und jetzt gehen die Herausforderungen los: erste Herausforderung, die Anfahrt. Sie muss selbst organisiert sein, Treffpunkt ist pünktlich um 10 Uhr im Haus Lutzenberg. Nicht einfach, wenn man keine Eltern hat, die Taxi spielen, und auch die Mutter des Kumpels nicht fährt. Die meisten der geflüchteten Jugendlichen sind ohne Eltern in Deutschland. Also organisieren die Sozialarbeiter, Betreuer, Sprachhelfer, Gasteltern und Lehrkräfte Fahrgemeinschaften. Bis auf Einzelne sind alle pünktlich.
Zweite Herausforderung: Zimmer einteilen und Betten beziehen. Gerangel darum, wer mit wem, man kennt sich ja noch nicht so gut. Bei der Beherrschung des Bettenüberziehens zeigen sich keine besonderen Unterschiede der Herkunft.
Dritte Herausforderung: klare Regeln einhalten, Tischdienste, Hausordnung. Dass die Schüler das Gelände nicht einfach verlassen dürfen, leuchtet einigen nicht gleich ein.
Auf was freuen sich die Schülerinnen und Schüler? „Die Ruhe, die Natur, ich danke Gott dafür“, sagt ein Jugendlicher. Gelächter bricht aus, als er sagt, dass er in Haubersbronn wohnt, nicht gerade die Großstadt, wo der Bär steppt. „Aber man guckt so weit hier“, schwärmt er.
Eine Schülerin freut sich auf die Wanderung zum Ebnisee: „Ich bin noch nie gewandert“, lacht sie. Eine Wanderung mit 100 Leuten von Lutzenberg zum Ebnisee könnte auch ein Trek werden, bei dem die Ersten schon angekommen sind, wenn die Letzten gerade loslaufen! „Abends chillen, sich unterhalten, und Sport, Sport, Sport“ – darauf freuen sich alle.
„Beziehungsarbeit vor Inhaltsarbeit“, so definiert Norbert Hübsch, Fachgruppenleiter AVDual an der Grafenbergschule, das Ziel der Veranstaltung. Das Programm sieht viele „Teambuilding“-Maßnahmen vor: Fußballturniere, organisiert von den Sportund Werkstattlehrern Konrad Straub und Jörg Milz, Vertrauensparcours, Kletterwand, Partnerinterviews oder auch das „Lava-Spiel“: Wer erinnert sich nicht an die Kindheit? Man musste über einen Weg oder Platz laufen, durfte aber nur über bestimmte Steine? Ansonsten war man verbrannt. Beim Lava-Spiel muss die Gruppe dies gemeinsam meistern: Auf Blättern, die einen vor der „heißen Lava“ schützen, muss man einen Weg durchlaufen, darf weder den Boden berühren, noch darf man den Kontakt zu den anderen verlieren. Nach 15 Minuten Besprechungszeit legt die Gruppe los – das Besondere: Während der Aktion darf nicht mehr gesprochen werden. Deshalb muss die Taktik zuvor klar besprochen werden – und bei zehn unterschiedlichen Muttersprachen geht dies nur auf Deutsch. Integration pur.
Die Lehrerinnen Stephanie Muller und Daniela Tschullik erwarten auch, dass sich das Vertrauensverhältnis innerhalb der fünf Klassen und ebenso zwischen den Lehrkräften und Schülern verfestigt. Vertrauen ist bereits da, wie Stephanie Muller weiß: Im Vorfeld schickten ihr die Schüler Fotos von ihren gepackten Taschen mit der Frage: Reicht das, was ich eingepackt habe? Viele flüchteten vor zwei Jahren ohne jegliches Gepäck.
Und was haben die Lehrerinnen eingepackt? Viel Humor und „auf jeden Fall mal eine Packung Aspirin“ – das könnte bei den bevorstehenden aktiven Nächten von Vorteil sein!

 

Quelle
Schorndorfer Nachrichten, 18.10.17, B1
Pressearbeit
sa / Grafenbergschule