„Nahezu unbegrenzte Möglichkeiten“

Das duale Ausbildungssystem Baden-Württembergs gilt als Erfolgsmodell. Neben der fachlichen Qualifikation werden den Auszubildenden auch soziale Kompetenzen vermittelt. Die Chancen auf einen Arbeitsplatz sind zurzeit hervorragend.

Interview Als Berufsschulleiter spricht Stefan Weißert über das teils verkannte Image und die Zukunftschancen einer dualen Ausbildung.

Die Grafenbergschule in Schorndorf ist eine von drei Berufsschulen im Rems-Murr-Kreis. Mittlerweile können hier 25 verschiedene Berufe aus den Fachbereichen Bauwesen, Elektrotechnik, Gesundheit, Kraftfahrzeugund Metalltechnik erlernt werden. Stefan Weißert ist sowohl der Schulleiter der Grafenbergschule als auch der geschäftsführende Schulleiter aller Beruflichen Schulen im Rems-Murr-Kreis.

Herr Weißert, was denken Sie, wenn Sie Schlagzeilen lesen wie „Knapp 8000 offene Lehrstellen im Land“?
Das ist für mich nicht überraschend. In vielen Bereichen haben sich die Verantwortlichen über viele Jahre hinweg nicht optimal um die Rekrutierung des eigenen Nachwuchses gekümmert. Zum Teil ist dies verständlich, da manche Betriebe vor allem daran interessiert waren, dass die Geschäfte laufen. Schließlich waren die Auftragsbücher ja auch voll. Leider hat man dabei teilweise versäumt, an die eigene Zukunft zu denken. Daher gibt es in einigen Berufsfeldern heute nur noch wenige junge Menschen, die sich für eine entsprechende Ausbildung interessieren. Heute haben viele angehende Azubis deutlich mehr Chancen auf dem Ausbildungsmarkt und können sich ihren Wunschausbildungsplatz aussuchen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, um wieder mehr junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern?
Wir müssen deutlicher die Vorteile einer dualen Ausbildung hervorheben, die Chancen und Aufstiegsqualifikationen der einzelnen Berufsbilder deutlicher benennen und die jeweiligen Verdienstmöglichkeiten und Perspektiven, was die Arbeitsplatzsicherheit anbetrifft, besser kommunizieren. Auch muss deutlich gemacht werden, dass eine Karriere über ein Studium nicht immer zum gewünschten Erfolg führt. So brechen etwa ein Drittel aller Hochschulabsolventen innerhalb der ersten zwei Jahre ihr Studium ab. Von diesen Abbrechern finden sich über 40 Prozent innerhalb eines halben Jahres in einer vollzeitschulischen oder dualen Berufsausbildung wieder.

Welchen Vorteil bietet eine duale Ausbildung?
In einer dualen Ausbildung werden an der Berufsschule nicht nur fachtheoretische Inhalte vermittelt. Die Schüler bekommen parallel dazu eine vertiefte Allgemeinbildung in den Fächern Deutsch, Gemeinschaftskunde und Mathematik vermittelt. Diese gelebte Lernortkooperation findet in enger Kooperation mit den jeweiligen Ausbildungsbetrieben sowie den überbetrieblichen Ausbildungsstätten der Kammern statt. Somit bekommen die Absolventen neben den fachlichen Fähigkeiten auch heutzutage wichtige soziale Kompetenzen vermittelt.

Wie kann der Stellenwert des dualen Bildungsweges verbessert werden?
Die duale Berufsausbildung, wie wir sie in Baden-Württemberg praktizieren, ist einzigartig und wird von vielen Ländern bewundert. Zwischenzeitlich ist diese Form der Ausbildung zum Exportschlager geworden, wie der Besuch vieler ausländischer Delegationen an den Beruflichen Schulen immer wieder unter Beweis stellt. Die Vorzüge und Möglichkeiten einer dualen Berufsausbildung bis hin zu den weiteren Qualifizierungsmöglichkeiten, können nicht früh genug an den allgemeinbildenden Schulen vermittelt werden, damit Eltern und Schüler rechtzeitig eine bewusste Entscheidung für die Zukunft treffen können.

Was könnten Anreize für junge Menschen sein, sich für eine Ausbildung zu entscheiden?
Ganz klar: Die guten Einstellungsmöglichkeiten und die Chancen auf Aufstiegsqualifikationen, die Leitungsfunktionen auch im mittleren Management möglich machen! Meister und Techniker in Handwerk und Industrie übernehmen zunehmend Führungsaufgaben und verdienen entsprechend gut. Darüber hinaus bietet sich diesem Personenkreis die Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen. Grundvoraussetzung für diese Möglichkeiten ist und bleibt eine fundierte duale Berufsausbildung.

Wie würden Sie konkret für eine duale Ausbildung Werbung machen?
Alle genannten Chancen und Möglichkeiten mit all ihren Perspektiven müssen frühzeitig im engen Schulterschluss von Betrieben und Schulen an junge Menschen vermittelt werden. Das Motto der Beruflichen Schulen „Kein Abschluss ohne Anschluss“ spiegelt dies auf eindrückliche Weise wider.

Das Gespräch führte Holger Niederberger.
Fotos: Gottfried Stoppel

ZUR PERSON
Stefan Weißert Im August 2011 hat das Regierungspräsidium Stuttgart Stefan Weißert zum geschäftsführenden Schulleiter der beruflichen Schulen im Rems-Murr-Kreis ernannt. Der Oberstudiendirektor ist seit 1986 im Schuldienst und leitet seit 2004 die Grafenbergschule in Schorndorf. Als geschäftsführender Schulleiter koordiniert er die Arbeit der acht Berufsschulen des Landkreises und berät den Schulträger. In den drei Schulzentren in Backnang, Schorndorf und Waiblingen lernen insgesamt etwa 11 000 Schüler.

 

Quelle
Stuttgarter Zeitung, 11.12.17, REMS-MURR-KREIS, Seite 19
Pressearbeit
sa / Grafenbergschule