Miteinander über die Liebe reden

Mit Geflüchteten über Liebe reden
Suchten den Dialog mit jungen Flüchtlingen: Urban Spöttle-Krust und Heidrun Heidenfelder von der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt. Bild: Büttner

Wie an der Grafenbergschule junge Flüchtlinge an dieses schwierige Thema herangeführt werden

Von Mathias Ellwanger

Schorndorf. Liebe, Sexualität und die erste Beziehung sind sensible Themen für alle Jugendlichen. Besonders kompliziert wird es aber in einer anderen, fremden Kultur – noch dazu ohne familiäres Umfeld. An der Grafenbergschule konnten nun junge Flüchtlinge mit Experten darüber reden. Ganz ohne Zeigefinger und auf Augenhöhe.

Wie man Beziehungen zum anderen Geschlecht aufbaut und gestaltet, das war schon immer ein Thema in den Beratungsgesprächen von Aysegül Caliskan. Doch seit es an der Grafenbergschule sechs Flüchtlingsklassen gibt (siehe Infobox), haben die Fragen immer öfter einen ganz kulturspezifischen Hintergrund. Die Verwirrung über die deutschen Gepflogenheiten ist bei den jungen Flüchtlingen groß. Kein Wunder: In den Heimatländern der meisten Flüchtlinge gibt es keinen richtigen Aufklärungsunterricht. Sexualität ist weithin tabuisiert. Und die Beziehung zwischen den Geschlechtern oft sehr streng geregelt.

Manch schiefes Bild über Sex in Deutschland muss korrigiert werden

Ein weiteres Problem sei, so SozialarbeiterKollege Detlef Bürkert, dass die Allermeisten ohne Familie hier leben. Junge Männer, die ohne stützendes Umfeld und ohne soziale Kontrolle in Deutschland mit ganz neuen, schwierigen Erfahrungen konfrontiert sind. Kinderleicht Zugang finden zu Pornografie und damit ein schiefes Bild von Deutschland vermittelt bekommen. Von einer Sexualität, die ganz leicht verfügbar zu sein scheint, dann aber nicht ist. Und sich dann Fragen stellen wie: Was bedeutet das, wenn Mädchen im Sommer leicht bekleidet über den Schulhof spazieren? Und was, wenn ein Mädchen, in der Heimat eigentlich unvorstellbar, mit mir Schluss macht?
Aber auch für junge Frauen stellen sich in Deutschland viele Fragen ganz neu und vielleicht zum ersten Mal: Wer darf was? Was ist erlaubt – und was nicht? Es geht dabei um kulturspezifische Fragen, aber, das ist Bürkert wichtig, zu betonen, „da sind viele Probleme dabei, mit denen auch einheimische Jugendliche zu tun haben.“
Und weil die Fragen so drängend waren, dachten sich die beiden Jugendsozialarbeiter am Beruflichen Schulzentrum in Schorndorf: „Da sollte man was machen.“ Unter dem Motto „Lebe mit ... Liebe, Beziehungen, Miteinander“ organisierten sie deshalb nun an der Grafenbergschule einen Gesundheitstag, bei dem Experten ihr Fachwissen an die jungen Flüchtlinge weitergeben und ihre Fragen beantworten konnten. Auf Augenhöhe, ohne Zeigefinger – und für eine reibungslose Verständigung auch mithilfe von Übersetzern. Zudem nach Geschlechtern und Herkunft getrennt, um sensible Themen möglichst offen ansprechen zu können.

Um die freie Wahl der Beziehung ging es bei dem Gespräch mit der Referentin von Yasemin, einer Stuttgarter Beratungsstelle für junge Migrantinnen, die von Zwangsheirat oder Gewalt bedroht sind. Der Bereich sexuelle Selbstbestimmung wurde zudem von der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt vom Kreisjugendamt abgedeckt. Das Gesundheitsamt informierte über Verhütung und Krankheitsvorsorge. Um Vorurteile abzubauen, war als besonders plastisches Beispiel auch eine Person, die hier das Pseudonym „Petra“ trägt, vor Ort. Erst im Laufe des Gesprächs erfuhren die Jugendlichen, dass die Frau HIV-positiv ist, auch wenn sie äußerlich überhaupt nicht dem Klischee entspricht.

Homosexualität: Schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden

Manche Vorurteile aber scheinen hartnäckig und nicht so leicht zu überwinden, wie Dr. Ahmad Zahra berichtet. Der Dolmetscher ist als junger Student aus Damaskus nach Deutschland gekommen und übersetzte an der Schule für eine syrische Jungengruppe. Mit einem Berater von Pro Familia haben sie sich ausgetauscht über die Gepflogenheiten in Syrien, konnten ihre Probleme in Deutschland ansprechen und so die sehr unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen über richtige Sexualität und Beziehung vergleichen. Das sei in lockerer Atmosphäre abgelaufen, viel hätte die Gruppe während des Gesprächs gelacht. „Ich fand das sehr, sehr gut.“ Nur beim Thema Homosexualität sei es schwierig gewesen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Und auch die Vorstellung, dass Frauen während der Menstruation Krankheiten übertragen, hätten sie hartnäckig verteidigt.
Die junge Frauengruppe hingegen hatte laut Martina Ferro von Pro Familia vor allem viele ganz banale Fragen über ihre Sexualität: Was passiert bei der Regel? Und wie läuft eine Schwangerschaft ab? Ein ganz wichtiges Thema sei zudem die sexuelle Selbstbestimmung gewesen. Kann ich mir den Partner selbst aussuchen? Darf ich vor der Hochzeit einen Freund haben? „Sehr viele“, so Ferros Erfahrung, „wollen aber erst einmal einen Beruf erlernen und kein Kind haben.“ Deutschland sei für sie vor allem eine Chance, aus traditionellen Rollen-
mustern auszubrechen.
Bei der Veranstaltung ging es aber nicht darum, den jungen Flüchtlingen deutsche Vorstellungen von Beziehung, Liebe und Sexualität aufzupfropfen, betont Bürkert. Es ging auch darum, die andere Seite in ihrem Anders-Sein zu verstehen – und nicht gleich zu bewerten. Dass die Grafenbergschule so bereitwillig bei dieser Veranstaltung mitgemacht und gleich sechs Räume zur Verfügung gestellt hat, freut die beiden Sozialarbeiter besonders.
Schließlich sei das Thema für alle wichtig – letztlich auch die einheimischen Schüler, bei denen es oft auch an entsprechender Erziehung durch das Elternhaus mangelt. Aysegül Caliskan ist sich deshalb sicher: „Das könnte man auch in den normalen Unterricht integrieren.“

Vorqualifizierung für Arbeit und Beruf

  • An der Grafenbergschule gibt es im Moment sechs Vabo-Klassen. Die Abkürzung steh für „Vorqualifizierung Arbeit/Beruf“ und legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Vermittlung von Deutschkenntnissen. Rund 15 junge Flüchtlinge gibt es in jeder Klasse.
  • Ziel ist es, sie für den normalen Unterricht an der Berufsschule vorzubereiten. Laut Suse Freudenreich, der stellvertretenden Schulleiterin, werden im kommenden Schuljahr drei bis vier Klassen in das Projekt AV Dual überführt, was für Duale Ausbildungsvorbereitung steht. Bei diesem Projekt soll eine berufsvorbereitende Ausbildung vermittelt, die Berufsreife gefördert, die Berufswahl erleichtert und die Allgemeinbildung vertieft werden.
  • Für die jungen Flüchtlinge wird das Konzept leicht modifiziert und ein besonderer Schwerpunkt auf die Vertiefung der Deutschkenntnisse gelegt.
Quelle
Schorndorfer Nachrichten, 14.07.17, B 2
Pressearbeit
sa / Grafenbergschule